Bewahrung und Transfer des Wissens der Tibetischen Medizin
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Krankheitskonzept

Die Säftelehre und die dabei zentrale Stellung der drei Faktoren: Wind (rlung, Skt. vāyu) - Galle (mkhris pa, Skt. pitta) - Schleim (bad kan, Skt. kapha)

"humours are biological manifestations of the five elements and are responsible for all the psychological and physiological functions of the body."
in Drungtso T. T. und Drungtso T. D. (2005, S. 157). Tibetan-English Dictionary of Tibetan Medicine and Astrology. Archana: Drungtso Publications.

Die drei Faktoren werden mit den drei grundlegenden Emotionskomplexen - Anhaftung ('dod chags, Skt. rāga),
Ablehnung (zhe sdang, Skt. dveṣa), Unwissenheit (gti mug, Skt. moha) - direkt in Verbindung gebracht.

Der Zusammenhang zwischen den drei (schadenden) Faktoren und den drei Emotionskomplexen wird folgendermaßen hergestellt:

Wind (rlung, Skt. vāyu) - Anhaftung ('dod chags, Skt. rāga)

Galle (mkhris pa, Skt. pitta) - Ablehnung (zhe sdang, Skt. dveṣa)

Schleim (bad kan, Skt. kapha) - Unwissenheit (gti mug, Skt. moha)

Auf diese Weise werden die der tibetischen Medizin zugrunde liegenden Konzepte mit der buddhistischen Philosophie verknüpft.

siehe Köttl, M. (2009). Heilung aus der Perspektive Tibetischer Medizin. Aachen: Shaker.

Ein Körperkonzept aus schadenleidenden und schädigenden Faktoren

"lus kyi mtshan nyid basic physiology of the body; it explains the spheres which are the objects of harm (7 bodily constituents and 3 excretions) and the humours (15 humours) which are the harmers."
in Drungtso T. T. und Drungtso T. D. (2005: 472). Tibetan-English Dictionary of Tibetan Medicine and Astrology. Archana: Drungtso Publications.

Dieses Körperkonzept ist sehr eng verknüpft mit der anatomischen Beschreibung des Körpers aus Nāḍīs (rtsa, Skt. nāḍī), Chakras (rtsa 'khor, Skt. chakra) und Bindus (thig le, Skt. bindu), welche auch im Kontext der Praxis des Vajrayāna benutzt bzw. visualisiert werden.

vgl. Köttl, M. (2009). Heilung aus der Perspektive Tibetischer Medizin. Aachen: Shaker.

Modell eines Körpers bestehend aus verschiedenen Kanälen (rtsa, Skt. nāḍī), entlang derer Fünf Winde die Energien (rtsa ba'i rlung lnga) transportieren

"rtsa channels: this term refers to the nerves, veins and arteries. There are three types of major channels or rtsa: 1. the white one (rtsa dkar) is related to the nerves and leads to the brain, 2. the black one (rtsa nag) refers to the veins and leads to the livers and the gall bladder, 3. the red one (rtsa dmar) refers to the arteries and leads to the heart."
siehe Drungtso, T. T., Drungtso, T. D. (2005: 359). Tibetan-English Dictionary of Tibetan Medicine and Astrology. Archana: Drungtso Publications.

Das Konzept von Krankheit als Ungleichgewicht von drei Faktoren

"nad illness, sickness, diseases, disorders; according to the theory of Tibetan medicine "the disease" is viewed as the result of improper proportion of the three humours - rlung (wind), mkhris pa (bile), and bad kan (phlegm) both in qualitative and quantitative aspects."
siehe Drungtso, T. T., Drungtso, T. D. (2005: 227). Tibetan-English Dictionary of Tibetan Medicine and Astrology. Archana: Drungtso Publications.

Konzepte der Krankheitsursachen

1. Ferne Ursachen von Erkrankungen (ring rgyu)
bezieht sich auf Unwissenheit (ma rig pa, Skt. avidyā),

2. Nahe Ursachen (nye rgyu)
beziehen sich auf die drei grundlegenden Emotionen (dug gsum) Anhaftung ('dod chags, Skt rāga), Ablehnung (zhe sdang, Skt. dveṣa) und Unwissenheit (gti mug, Skt. moha),

3. Spezifische Ursachen (khyad par rgyu)
beziehen sich auf die Drei Faktoren (nyes pa, Skt. doṣa)
Wind (rlung, Skt. vāyu),
Galle (mkhris pa, Skt. pitta)
Schleim (bad kan, Skt. kapha)

siehe Köttl, M. (2009). Heilung aus der Perspektive Tibetischer Medizin. Aachen: Shaker.

Karma in den Krankheitsursachen

Als Karma (Skt.) wird das Gesetz von Ursache und Wirkung bezeichnet. Dieses Gesetz von Ursache und Wirkung (las, Skt. karma) wird in die Tibetische Medizin im Sinne von möglichen Krankheitsursachen einbezogen.

Implikation: Somit werden auch durch eigenes untugendhaftes Handeln (mi dge ba bcu, Skt. daśākuśala) in diesem oder einem vorhergehenden Leben bewirkten Effekte als eine mögliche Ursache von Erkrankungen gewertet.
Dies hat weitreichende Implikationen: Selbstabwertung, Stigmatisierung
vgl. Köttl, M. (2009). Heilung aus der Perspektive Tibetischer Medizin. Aachen: Shaker.

Diagnostik

Krankheitsdiagnostik in der tibetischen Medizin aus emischer Perspektive:

Methoden (brtag tshul) der Untersuchung (blta ba):
Befragung des Patienten (ngag gis dri ba)
2. auf den Drei Faktoren (nyes pa gsum) basierend
2.1 Typen-Analyse
2.2 Antlitz-Analyse
3. Methoden der Pulsdiagnose (rtsa brtag)
4. Urin-Analyse (chu brtag)
5. Zungen-Diagnose (lce brtag)
siehe Köttl, M. (2009). Heilung aus der Perspektive Tibetischer Medizin. Aachen: Shaker.

Therapeutische Maßnahmen

Die Imbalance der Drei Faktoren (nyes pa gsum) wird als die spezifische Ursache von Erkrankungen (khyad par rgyu) definiert. vgl. Köttl, M. (2009). Heilung aus der Perspektive Tibetischer Medizin. Aachen: Shaker.

Sie kommt in Balance mithilfe unterschiedlichster Maßnahmen, wie beispielsweise
1. Lebensstil (spyod lam) und
2. Ernährung (zas)
(beide haben große Bedeutung zur Prävention von Erkrankungen)
3. Kräutermedizin
4. Akupunktur
vgl. Köttl, M. (2009). Heilung aus der Perspektive Tibetischer Medizin. Aachen: Shaker.

Therapie (nad phan bcos thabs) eines Ungleichgewichts der obigen drei Faktoren (nyes pa, Skt. doṣa) - Wind (rlung, Skt. vāyu), Galle (mkhris pa, Skt. pitta) und Schleim (bad kan, Skt. kapha):

1. je nach Erkrankung bzw. Krankheitsverlauf/ Genesungsprozess wird auch die medizinische Astrologie (nad rtsis) einbezogen
2. Beratung zu
2.1 Verhalten (spyod lam) und
2.2 Ernährung (zas) wird heutzutage
3. heutzutage vorwiegend Kräutermedizin (bod sman)

vgl. Köttl, M. (2009). Heilung aus der Perspektive Tibetischer Medizin. Aachen: Shaker.

Begriff „Karma-Reinigung“

Der Neologismus „Karma-Reinigung“ hat sich im Rahmen der Vermarktung von Buddhismus entwickelt. Er wird daher in buddhistischen Seminarzentren und in der Lehre tibetischer Medizin derzeit benutzt. Seine Bedeutungszuschreibung in diesem Kontext ist als ob eine Person (ein „Meister"/ Guru) die Kompetenz und das Recht hätte anderer Menschen „schlechtes Karma" zu reinigen.
Die Gefahren dieser Konzeptualisierung wurden bereits in den aktuellen Entwicklungen, z.B. in der internationalen Organisation Rigpa oder der internationalen Organisation Shambala deutlich (siehe: https://www.transtibmed.ethnologie.uni-muenchen.de/recht/rigpa/index.html und https://www.transtibmed.ethnologie.uni-muenchen.de/recht/shambala/index.html)

Der Begriff „Karma-Reinigung“ wurde benutzt, um absolute Macht über Menschen zu bekommen und diese willkürlich zu behandeln. Mithilfe des Begriffs „Karma-Reinigung“ wurde folgsamen „Schülern“ eingeredet sie wären schlecht, niemals gut genug und der „Meister“ hätte das Recht ihnen, sozusagen zu ihrem eigenen Wohlergehen (der „Reinigung“ zum Zweck einer angeblichen Erleuchtung), Schaden (tw. mit strafrechtlicher Relevanz) zuzufügen.

Die Benutzung von rlung als Krankheitskonzept und Stigmatisierung

Der Versuch der Stigmatisierung von Personen als psychisch labil oder psychisch krank mit der Phrase: „der/die hat Lung“:
In der tibetischen Medizin werden alle psychischen Erkrankungen als rlung-Krankheiten (Krankheiten des Systems rlung, welches einer der drei Faktoren ist) konzeptualisiert. Dies bedeutet zunächst nichts weiter als dass angenommen wird, dass der Faktor rlung dabei im Vordergrund steht wie bei vielen anderen Erkrankungen auch.

Der Faktor rlung kann beispielsweise auch in den Vordergrund treten wenn jemand z.B. viel reist oder sich für sie/ ihn ungewöhnlich viel bewegt etc..

Diese Phrase wird jedoch derzeit leider gerne in buddhistischen Gruppen durch für jegliche Diagnostik unqualifizierte Personen zur gezielten Stigmatisierung und Diskreditierung von Menschen benutzt und verbreitet. Rechtlich können Betroffene die Schädigung eingrenzen indem sie Anzeige wegen übler Nachrede bzw. Verleumdung erstatten.

WHO Standards

In Bezug auf psychische Erkrankungen scheinen - nach bisherigem Stand der Interviews in Nepal (am 1.8.2019) – die an der WHO definierten Kategorien und Diagnostik psychischer Erkrankungen nach ICD-10 bzw. ICD 11 und DSM V – bei Ärzten der tibetischen Medizin weitgehend unbekannt zu sein.