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Psychotherapie für Betroffene aus buddhistischen Gruppen, Beratung und Prävention

                                                                                                                                                            29.5.2019

Krisenintervention und Psychotherapie nach Indoktrination und Missbrauch in buddhistischen Gruppen Eine Analyse von Schädigungsmechanismen, psychischen Implikationen und Behandlungsaspekten

Kernaussagen
1. Indoktrination und Missbrauch in buddhistischen Kontexten entwickelten sich auf der Grundlage von Idealisierungs- und Identifikationsprozessen und den Vorgaben absoluten Gehorsams. Sie sind genährt von dekontextualisierten Termini und Konzepten, welche sich auf Begriffe wie Karma-Reinigung, crazy wisdom, reine Sichtweise oder Guru Yoga im Vajrayāna, Samaya etc. beziehen.
2. Im Rahmen des Forschungsprojekts TransTibMed (BMBF) werden die Erfahrung und Gesundheit von Betroffenen und Zeugen von Ausbeutung, Indoktrination und ökonomischem, psychischem und körperlichen Missbrauch aus internationalen buddhistischen Organisationen und die sich in vielen Gruppen wiederholenden zugrundeliegenden Konzepte evaluiert.
3. Die in buddhistischen Gruppierungen benutzten dekontextualisierten Konzepte und Neologismen dienen nicht nur zur Rationalisierung und Rechtfertigung von Schikanen, Gewalt und Missbrauch, sondern verhindern auch, dass bereits Geschädigte die Gruppe verlassen, sich Hilfe zur Genesung suchen und an die staatlichen Rechtsinstanzen wenden. Dabei ermöglichen konzeptuell als reine Sichtweise bezeichnete autoritäre Vorgaben gepaart mit retrospektiv vorgeschriebenen Veränderungen der Bedeutungszuschreibung sowohl eine Abwertung der Selbstwahrnehmung wie auch jahrelange Leugnung und stellen somit an Kulte erinnernde Vorgaben der Gedanken- und Emotionskontrolle dar.
4. Die psychischen Auswirkungen für Betroffene umfassen sowohl eine Verunsicherung in Bezug auf die eigene Wahrnehmung wie auch die Einübung von Identifikation mit der Gruppenleitung und einer für fortgeschrittene Meditationstechnik gehaltenen Dissoziation. Dies reicht bis zur Verinnerlichung von Stereotypen, Täterintrojekten und Veränderung der Persönlichkeit durch Identifikationsmechanismen nach jahrelanger Denk- und Handlungsanpassung an Gruppendruck.
Aufgrund der wiederholten und systematischen Schädigungen kommt es vorwiegend zu Reaktionen auf schwere Belastung und Anpassungsstörungen, insbesondere Traumatisierung, zu dissoziativen Störungen, Depressionen oder Angststörungen.
5. „Rigpa-Therapie“ wurde als Verfahren für bereits geschädigte Personen in der eigenen Gruppe eingesetzt und beinhaltete bei akut Traumatisierten eine Indoktrination der Ursachenverschiebung vom Täter in die Kindheit

1 Einleitung
Das Ausmaß von Personen, die durch Indoktrination, den ökonomischen, psychischen wie auch sexuellen Missbrauch und Gewalt sowie Dynamiken der Ausbeutung, Verleumdung und Verbannung (1, 2) in internationalen buddhistischen Organisationen Gesundheitsschädigung erlitten, zeigt sich in zunehmenden Veröffentlichungen von Betroffenen selbst und den von den Gruppen beauftragten Rechtsanwälten sowie auch bei der aktuellen Befragung von Betroffenen (1). Diese akuten und chronischen Erkrankungen der zahlreichen Betroffenen stellen nun vor die Herausforderung ihrer klinischen und psychotherapeutischen Versorgung (2). Somit stellt sich die Frage: Welche Aspekte sind bei Krisenintervention und ihrer psychotherapeutischen Behandlung von zentraler Bedeutung?

2 Methode
2.1 Aktuelle Ereignisse und Untersuchungsergebnisse
Der methodische Zugang beinhaltet eine Analyse aktueller Ereignisse und Schriftstücke aus und zu verschiedenen buddhistischen Gruppierungen und von Zeitzeugen (6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20) sowie der Ergebnisse aus der mithilfe von Fragebögen und Interviews durchgeführten Forschung (1). Das oftmals jahrelange Erdulden von Gewalt und Missbrauch und die entsprechenden psychischen und physischen Auswirkungen (2) werden erst auf der Grundlage der Analyse von Identifikationsmechanismen (2) und Konzepten wie Karma-Reinigung, crazy wisdom (2), als reine Sichtweise (2) oder Guru-Yoga (2) übersetzt werden, verständlich. Dabei sind viele dieser dekontextualisierten Termini dem Vajrayāna Buddhismus entnommen, welcher methodisch die Visualisation des Ziels als Trainingsweg beschreibt. Die im Kontext geforderte ständige Konfluenz mit dem Meister (2) und die retrospektive Übernahme seiner Sichtweisen im Sinne von reframing (2) dienen als zentrales Element der Verunsicherung der Persönlichkeit, was sich als abnehmendes Vertrauen in die eigene Wahrnehmung (2) zeigt sowie gleichzeitig auch die Abhängigkeitsdynamik stärkt. Die Übernahme solcher dekontextualisierter Konzepte, die eine systematische Abwertung der einen Wahrnehmung, eine Förderung der Identifikation mit dem Meister und Übernahme von heterogenen Bedürfnissen und Forderungen aus der Gruppe beinhaltet, bedeutet somit eine systematische Schwächung des Individuums und seiner Willensfreiheit. Hiermit zeigt sich bereits die Auswirkung der autoritären Lösung einer Verpflichtung zur Anpassung an den Gruppenmainstream mithilfe von double bind und zur Leugnung der eigenen Wahrnehmung und Lebensrealität zugunsten der Meinung eines ungeprüften Meisters (2).

2.2 Psychische Auswirkungen der Verinnerlichung dekontextualisierter Termini und Neologismen
Für Seminarteilnehmer bedeutet das zweifelhafte Konzept sich einzig über eine Person als spirituellen Mittler der eigenen Spiritualität nähern zu können gepaart mit der Identifikation mit der Gruppenleitung und der Projektion von Erleuchtungssehnsucht eine sich zunehmend entwickelnde Abhängigkeit. Diese zeigt sich in der Opferung des eigenen freien Willens und wird methodisch mit dem Neologismus Karma-Reinigung (3) verfestigt. Auf organisatorischer Ebene wird die Abhängigkeitsentwicklung mithilfe der scheibchenweisen Rationierung von Inhalten in immer neuen Seminaren bei gleichzeitigem Gruppendruck diese zum Wohle des eigenen Fortschritts zu besuchen bedient, auf struktureller Ebene tragen die strikten Hierarchien in Seminarzentren, in denen Mitwisser und Mittäter ertragreiche Positionen innehalten, zur Tabuisierung und Geheimhaltung bei.
Während durch die Konnotation ganz besonderer Wertschätzung einer Person bei ihrer Nähe zur Gruppenleitung gruppendynamisch häufig Rivalität um diese Positionen aufgebaut wird, bewirken die Erfahrungen gravierender Widersprüchlichkeit zwischen Worten und Handlungen, von Missbrauch oder Gewalt eine hohe unauflösbare Ambivalenz der Beteiligten. Dieses Auseinanderklaffen von Lebenswirklichkeit und Idealbild wird mit einer Art Neudefinition von reiner Sichtweise (2) gelöst und bedeutet systeminhärentes double bind (2). Jenes zieht seine allgemein bekannten langfristigen psychischen Auswirkungen nach sich und bewirkt Entscheidungsunfähigkeit, was Personen wiederum hindert die Gruppe zu verlassen. Somit wird deutlich, dass die Entwicklung von Behandlungsansätzen nicht nur ein Verständnis individueller Psychodynamik, sondern auch eine Analyse zentraler verinnerlichter Neologismen und Konzepte und der ihnen entsprechenden psychischen Auswirkungen voraussetzt. Insbesondere werden vor dem Hintergrund eines "Mythos Tibet" (4) entsprechend spirituell verbrämte Idealisierungen gefördert mithilfe derer ein Personenkult ausgebaut wurde, der mangelnde Integrität, Menschenrechtsverletzungen und Missbrauch über Jahre oder gar Jahrzehnte rechtfertigten konnte. Zunächst wäre somit vor dem Hintergrund von unreflektiert in den Westen kopierten hierarchischen Gruppen- und Befehlsstrukturen derjenige Narzissmus, mithilfe dessen spirituelle Sehnsucht bedient und Techniken der Gedanken- und Emotionskontrolle (5) immer weiter einwickelt wurden, zu analysieren. Hinzu kommen die Durchsetzung von Kontrolle mithilfe von Verleumdungs- und Stigmatisierungsmechanismen und nachträglicher Fehlinformation zur Geltendmachung der Meinung der Gruppenleitung oder anderer ihr wichtiger Personen. Auf Grundlage dieser konzeptuellen Analyse können die Schädigungsmechanismen beschrieben werden.

2.2 Schädigungsmechanismen
Nach der Beschreibung von psychischer und körperlicher Gewalt im Offenen Brief aus der internationalen Organisation Rigpa (6) sowie auch einer sogenannten „Rigpa-Therapie“ (6, 7), in welcher durch Therapeuten eine Ursachenverschiebung der akuten Traumatisierung in die Kindheit indoktriniert und genau damit vom Täter abgelenkt wurde, folgte eine Untersuchung durch Baxter (7), bei deren Befragung diese Vorkommnisse bestätigt und bewertet werden konnten. Parallel zu diesen Ereignissen wurden im dreiteiligen Sunshine Report (12, 13, 14) Missbrauch und Gewalt in der internationalen Organisation Shambala publiziert. Der darauf bezogene Wickwire Holm Report (15) hatte einen offenen Brief durch langjährige Ku Sung, bedienstete Wächter, (16) zur Folge, welcher auch Details aus jahrzehntelang verschwiegenen Fakten ans Licht brachte. Hierauf folgte eine Stellungnahme von Merchasin (17) und der von der Organisation selbst beauftragte Report on the Shambhala Listening Post und Shambhala Final Project Report (18, 19), in dem mithilfe der Aufnahme von Stellungnahmen von zweiundsechzig Personen auch begonnen wurde die Art der Schädigung zu analysieren. Insofern sich die strukturellen und konzeptionellen Hintergrunddynamiken kaum unterscheiden, können die in diesem An Olive Branch Report (18, 19) und dem Lewis Silkin Report (7, 8) beschriebenen Schädigungsmechanismen auch als exemplarisch für Auswirkungen auf Individuen in anderen solchen Gruppen (1, 19, 21, 22, 23), zu denen Indoktrination, Missbrauch wie auch sexueller Kindesmissbrauch (10, 11, 12, 21, 22, 23) beschrieben wurden, betrachtet werden. Hinsichtlich typischer Schädigungsmechanismen ist der aufgrund des Sunshine Reports (12, 13,14) durchgeführte systematische An Olive Branch Report systematisch aussagekräftig: "in total, 62 people contacted the Listening Post. Of these contacts, 55 produced information that is contained in this report. [...] These 55 comprise the "reporters of harm" whose experiences are summarized is this report. Twenty-eight of these submitted written reports of harm, 16 participated in an interview only, and 11 did both. Of the 55 total reports, 39 were self-reports and 16 were reported by bystanders. Bystanders include people who witnessed the incident or its aftermath or were directly told about it by the person who was harmed. [...] Information about a total of 67 incidents of harm is presented in the report" (18). Die erlittenen Schädigungen wurden folgendermaßen gruppiert: „• Sexual Misconduct by Shambala Teachers and Staff • Child Abuse • Physical Violence • Emotional Abuse • Racial Harm • Abuse of Power • Rumors/Slander” (18). Anhand der von den acht betroffenen Whistleblowern aus der Organisation Rigpa benannten psychischen Schädigungen und Diagnosen (7, 8) werden bereits auch einige diagnostische Aspekte deutlich: (emotionaler) Zusammenbruch von Menschen, chronische Müdigkeit (und Arbeit mit sehr wenig Schlaf), chronische Schlaflosigkeit, Angstzustände, extreme Angstgefühle, posttraumatische Belastungsstörung, Depression, Halluzinationen, Selbstmordgedanken. An dieser Stelle ist wichtig, dass diese Datenlage ergänzt werden sollte durch diejenigen, die sich meldeten und nicht befragt werden konnten (7) und diejenigen, die sich bislang aus Sicherheitsgründen oder Gründen psychischer Stabilisierung nicht für Befragung zur Verfügung stellten. Dennoch wurden bereits aus den Untersuchungsergebnissen zu den internationalen Organisationen Rigpa und Shambala komplexe psychische Schädigungen bei den relativ wenigen untersuchten Personen bekannt, deren strukturelle Hintergründe auf die dekontextualisierenden und unkritisch überhöhenden Entwicklungen bei der Vermarktung des Vajrayāna-Buddhismus (24, 25, 26, 27) im Westen zurückgeführt werden können. Die Respektlosigkeit solcher Meister den Schülern gegenüber ist beschämend. Doch häufig findet sich selbst noch diese Scham bei deren Schülern, welche die Schuldsuche bei sich selbst verinnerlicht haben, anstatt bei den Würdenträgern, deren Verhalten sie gebührt. Hinzu kommen die psychischen Auswirkungen der Blockierung von Konfliktklärung im System und der Verheimlichung und Tabuisierung von Straftaten. Bei Betroffenen zieht das Empfinden aufgrund des bereits getätigten hohen zeitlichen, emotionalen und finanziellen Engagements nicht mehr zurück zu können gepaart mit der aus dem double bind resultierenden Entscheidungs- und Handlungsunfähigkeit enorme Auswirkungen und Chronifizierung von vorliegender Gesundheitsschädigung nach sich. Dabei ist das System der Indoktrination sogar dahingehend ausgefeilt, dass selbst Erkrankte immer noch die Schuld bei sich selbst suchen und sich selbst immer weiter abwerten. Da sich im Kontext auch eine Tendenz zeigt, kritische Personen sowohl mit systematischer Verleumdung wie auch Abwertung mithilfe psychiatrisch konnotierter Termini aus medizinischer Terminologie oder Tibetischer Medizin (1) zu stigmatisieren und loszuwerden, ist es sinnvoll bei einer Krisenintervention oder Psychotherapie zu erfassen, ob und in wie weit solcherlei Vorgänge weiterhin auch nach der Trennung stattfinden.
Gegenüber Personen, die sich nicht anpassen oder aus Gruppen zurückziehen, kommen nicht selten Schädigungen aufgrund eines ausgefeilten Systems von Stalking (1) und systematischer Verleumdung (1, 3) hinzu, das an Kulte erinnert (5, 29). Besonders für diese Personengruppe erschweren fehlende gesellschaftliche Schutzstrukturen deren persönliche Sicherheit und damit auch ihre Genesungsprozesse. Die Diagnostik der oben erwähnten systematischen Verunsicherung der eigenen Wahrnehmung, verinnerlichter Stereotypen, der Einübung absoluten Gehorsams bei Aufgabe des freien Willens und insbesondere der emotionalen Bindung eines Opfers an und Kooperation mit dem Täter und auch die Frage möglicher Persönlichkeitsveränderung (2) im Laufe der Jahre ist für den psychotherapeutischen Prozess bedeutungsvoll. Insbesondere zeigen sich bei Personen, die sich selbst aufgrund einer internalisierten Konzeptualisierung eines Nichteinhaltens von Versprechungen (Samaya im Vajrayāna-Buddhismus) als schuldig definieren ohne die Integrität, die Einhaltung von Vereinbarungen seitens des Lehrenden und deren Schutzpflicht auch nur zu bedenken teilweise massive Angst- und Schulddynamik. Wenn anstatt der Herstellung unmittelbar nötigen Schutzes nach Traumatisierung und der erwartbaren Wiedergutmachung gar von zweifelhaften Meistern aus anderen Organisationen mithilfe des Begriffs Samaya ungestraft die öffentliche Verbreitung von Angst als Methode benutzt und damit unkontrollierbare und für Whistleblower lebensgefährliche Gruppendynamiken geschürt werden, vertieft sich genau diese Schädigung und Psychodynamik. Hiermit wurde auch deutlich wie es von einer Schädigung zur Chronifizierung einer Erkrankung kommt.

2.3 Diagnostik und therapeutische Interventionen
Aufgrund von Vertrauensverlust in sich und andere, der Erschütterung durch Beziehungstrauma oder auch des Miterlebens von Traumatisierung als Zeuge ist bei der Krisenintervention und Psychotherapie von Personen aus solchem Kontext echter Bezug und Vertrauensentwicklung in die eigene Wahrnehmung (2) die nötige Grundlage für Stabilisierung (2). Aufgrund von massiver Ausbeutung fallen in eine erste Phase neben der psychischen Stabilisierung bei möglicherweise zusätzlicher Belastung durch rechtliche Schritte nach erlittenen Straftaten in nicht wenigen Fällen auch die Abklärung von akuten Gefahren und existenziellen Fragestellungen. Neben erkrankungsspezifischer Psychoedukation sind für Betroffene Erklärungen zu Mechanismen von Kulten, zum Umgang mit Triggern, zur Bedeutung der Entwicklung von Zugang zu Körperwahrnehmung und der Beachtung einfacher Bedürfnisse sowie zu den für diesen Kontext spezifischen Konzepten, beispielsweise der Wirkung der Einübung von Dissoziation, wichtig. Während anfangs die Verunsicherung hinsichtlich der eigenen Identität, Lebensziele und Werte und auch der Verlust von sozialen Kontakten und Ressourcen im Vordergrund steht, tritt im Therapieverlauf die mögliche Verzerrung der Persönlichkeit durch Identifikationsprozesse, Stereotypenbildung und Introjekte (2) in den Vordergrund. Methodisch können die Entwicklung des Fühlens einfacher grundlegender Bedürfnisse, die gelernt wurden zunehmend zu leugnen oder zu unterdrücken, und die gezielte Entwicklung von Eigenverantwortung eine Grundlage bilden für den nötigen aktiven inneren Prozess dieser verinnerlichten Übung das eigene Selbst auf Kosten der Identifikation mit anderen aufzugeben etwas entgegenzusetzen. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass sich die individuelle Entwicklung und Reflexion der eigenen Werte genau auch durch den Abbau des verinnerlichten übermächtigen sogenannten Meisters und unbewusste Anpassungsleistung an seine Wünsche und Forderungen und oftmals widersprüchliche Wertenormen entfaltet. Somit werden über die Entwicklung eines vertieften Zugangs zu sich selbst die angeeigneten Stereotypen, Idealisierungsbilder wie auch Introjekte abgetrennt, womit sich auch die Verzerrung der Persönlichkeit zu verändern beginnt. In dieser Therapiephase können einige als Idealbild von der Person übernommene Konzepte, beispielsweise die verinnerlichte Idee einer Praxis des ständigen Verschmelzens mit dem Lehrenden und seinen Bedürfnissen auf der konzeptuellen Grundlage des Neologismus einer Übung von sogenannten Selbstlosigkeit, eine besondere Herausforderung darstellen. Die Abhängigkeitsdynamik entfaltet sich dabei durch das erlernte Ideal der Aufgabe eigener Bedürfnisse eng mit der Eigenverantwortungsabgabe. Aufgrund dieser verinnerlichten Abgabe von Eigenverantwortung in den erlernten Identifikationsprozessen (2) stellt der Aspekt der Übernahme von Eigenverantwortung von Beginn an eine sinnvolle Zielsetzung dar. Damit wird bereits eine Veränderung des Selbstbilds angesprochen (2), welche im Therapieverlauf weiter aufgegriffen werden kann. Sowohl durch eine Reflexion der eigenen Lebensziele, die zumeist im Verlauf der Gruppenzugehörigkeit mehr und mehr aufgegeben wurden, wie auch durch eine Analyse der Aspekte des emotionalen Verhältnisses zu Tätern, Meistern und Gruppenmitgliedern sowie insbesondere auch der verinnerlichten Kooperation der Opfer mit den Tätern wird genau diese Veränderung gefördert. Bei der Psychotherapie von (ehemaligen) Mönchen oder Nonnen wäre darüber hinaus die Anpassung der therapeutischen Interventionen an die Lebensweise der vergangenen Jahre wie auch die verinnerlichten Bindungen auf Grundlage der oft starken Identifikation mit Lehrer und Gruppe sowie im Falle eigener Schädigung oder Schädigung anderer ihre unbewusste Kooperation mit Tätern zu beachten. Da bereits die Anwendung therapeutischer Interventionen Situationen aus pseudotherapeutischen Maßnahmen wie der "Rigpa-Therapie" (6, 7, 8) triggern kann (2), ist es darüber hinaus sinnvoll wiederholt auf die gegenwärtige Wahrnehmung und den gegenwärtigen therapeutischen Bezug zu fokussieren. Im Rahmen der Integration des Erlebten wird möglicherweise wird erst im späteren Therapieverlauf auch die Bedeutung des Missbrauchs der eigenen Spiritualität bewusst, was zu einem unerwartet späten Zeitpunkt eine Trauerphase über die verlorenen Jahre bewirken kann.

3 Diskussion
3.1 Offene Fragen
Die an Kulte erinnernden Verleumdungs- und Stalkingdynamiken und das Ausmaß der direkt und indirekt Betroffenen stellt vor die Herausforderung einer schonungslosen Aufklärung durch die Justiz und der Umsetzung entsprechender Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung nach Entwicklung gesetzlicher Grundlagen. Ferner bedarf es staatlich definierter Ausbildungs- und Qualifikationskriterien sowie auch Prüfkriterien zur Integrität von Lehrenden im gesamten Buddhismuskontext und Kontext der Tibetischen Medizin. Die durch verinnerlichte neologistische Konzepte, Kooperation mit dem Täter und die Einübung von Dissoziation als vermeintliche Erleuchtungsmethode bedingten Persönlichkeitsveränderungen, wie von Hassan und Shah vorgeschlagen, als Diagnose nach DSM-5 F44.89 (30) zu verorten kann erst nach systematischer Erhebung und Vorliegen weiterer Daten diskutiert werden.
3.2 Limitationen
Vorliegende Analyse ist durch die Zahl und den Inhalt dessen, was einzelne Whistleblower und Probanden an die Oberfläche brachten und zur weiteren Untersuchung veranlassten, unsystematisch und limitiert. Sie erfasst daher nur die ersten Eisbergspitzen eines aufgrund der allgemeinen Idealisierung und Überhöhung von Buddhismus umso gefährlicheren systemischen Phänomens bei der unreflektierten und ungeregelten Implementation dekontextualisierter Konzepte.

4 Literatur
1. Anders AIM: Bewahrung und Transfer des Wissens der Tibetischen Medizin. https://www.transtibmed.ethnologie.uni-muenchen.de/zeitzeugenberichte/index.html; 2018 (letzter Abruf: 17.5.2019)
2. Anders AIM (2019). Psychische Auswirkungen von Machtmissbrauch in buddhistischen Gruppierungen und essentielle Aspekte bei psychotherapeutischen Interventionen für Betroffene. Forschungsbulletin der Sigmund Freud Privatuniversität Wien.
3. Anders AIM in Klein M: Missbrauch in buddhistischen Gemeinschaften. Geblendet vom Glanz der Gurus. https://www.deutschlandfunkkultur.de/missbrauch-in-buddhistischen-gemeinschaften-geblendet-vom.1278.de.mhtml?dram:article_id=441753&xtor=AD-254-%5B%5D-%5B%5D-%5B%5D-%5Bdkultur-mobil%5D-%5B%5D-%5B%5D; 2019 (letzter Abruf: 24.2.2019)
4. Kollmar-Paulenz, K: Kleine Geschichte Tibets. München: Beck 2006; 1-215.
5. Hassan S: Combating cult mind control. The #1 best-selling guide to protection, rescue, and recovery from destructive cults. Newton: Freedom of Mind 2018; 1-391.
6. Standlee M, Sangye, Damcho, et al.: Open letter to Sogyal Lakar. https://www.lionsroar.com/wp-content/uploads/2017/07/Letter-to-Sogyal-Lakar-14-06-2017-.pdf (letzter Abruf: 27.3.2019).
7. Lewis Silkin LLP: Report to the boards of trustees of: Rigpa fellowship UK, and Rigpa fellowship US. Outcome of an investigation into allegations made against Sogyal Lakar (also known as Sogyal Rinpoche) in a letter dated 14 July 2017. https://static1.squarespace.com/static/580dbe87e6f2e16700cb79fe/t/5b8f7c1e1ae6cfb38491e668/1536130081917/Lewis+Silkin+report.pdf (letzter Abruf: 27.3.2019).
8. Lewis Silkin LLP: Bericht an das Gremium der Repräsentanten von Rigpa Fellowship UK und Rigpa Fellowship US. Ergebnis einer Untersuchung von Vorwürfen, die in einem Brief vom 14.Juli gegen Sogyal Lakar (auch bekannt als Sogyal Rinpoche) erhoben wurden. https://www.rigpa.org/independent-investigation-report (letzter Abruf: 27.3.2019).
9. Charity Commission for England and Wales: New Charity Inquiry: Rigpa Fellowship Charity Commission investigates Rigpa Fellowship. https://www.gov.uk/government/news/new-charity-inquiry-rigpa-fellowship (letzter Abruf 29.11.2018).
10. Ex-OKC born-kids: 40 Years of Abuse in the name of Dharma. https://okcinfo.news/archives/; 2018 (letzter Abruf: 27.3.2019)
11. 23 ex-adepts' children: Help OKC children get justice. https://www.okcinfo.news/en/ (letzter Abruf: 10.3.2019).
12. Winn A: Project sunshine: final report. A firebird year initiative to bring light and healing
to sexualized violence embedded within the Shambhala community February 27, 2017 – February 15, 2018. www.andreamwinn.com/pdfs/Project_Sunshine_Final_Report.pdf (letzter Abruf: 1.1.2019).
13. Winn A, Edelman R, Merchasin C, Monson E, women survivors: Buddhist project sunshine phase 2. Final report. A 3-month initiative to bring healing light to sexualized violence at the core of the Shambhala buddhist community June 28, 2018. andreamwinn.com/project_sunshine/Buddhist_Project_Sunshine_Phase_2_Final_Report.pdf (letzter Abruf: 1.1.2019).
14. Winn A, Merchasin C: Buddhist project sunshine phase 3 final report. The nail: bringing things to a clear point A 2-month initiative to bring activating healing light to sexualized violence at the core of the Shambhala buddhist community August 23, 2018. andreamwinn.com/project_sunshine/Buddhist_Project_Sunshine_Phase_3_Final_Report.pdf (letzter Abruf: 1.1.2019).
15. Shambhala Interim Board: Report to the community on the Wickwire Holm claims investigation into allegations of sexual misconduct. https://tricycle.org/wp-content/uploads/2019/02/2-3-19-WH-Report-Final-Package.pdf (letzter Abruf: 27.3.2019).
16. Morman C, Leslie L, Fitch L, Ellerton D, Canepa A: An open letter to the Shambhala community from long-serving Kusung. https://drive.google.com/file/d/1W3fN12nEY- l0U2yejz3O4vcqaCMfusIa/view?fbclid=IwAR0Qo3zbWkJ3E5wjPUhLoVwOJnKwZee_AAzA79kvgj9K6DcOfh5uU7p5pM0 (letzter Abruf: 16.2.2019).
17. Merchasin C: Reflections on the Wickwire Holms report. https://www.buddhistprojectsunshine.org/single-post/2019/02/05/Reflections-on-the-Wickwire-Holms-Report---A-Message-from-Carol-Merchasin (letzter Aufruf: 6.2.2019).
18. An Olive Branch: Report on the Shambhala listening post. https://www.dropbox.com/s/111arue9y4gtk73/AOB_ListeningPostReport_March2019_final.pdf?dl=0 (letzter Aufruf: 27.3.2019).
19. An Olive Branch: Shambhala final project report.
https://www.dropbox.com/s/eloezy0vc0nhgro/AOB_FinalReport_March2019_final.pdf?dl=0 (letzter Aufruf: 27.3.2019)-
20. Merchasin C: Final Report on the Buddhist Project Sunshine Investigations. https://www.buddhistprojectsunshine.org/single-post/2019/04/08/Final-Report-on-the-Buddhist-Project-Sunshine-Investigations---Carol-Merchasin?utm_campaign=67f1a8d7-da7d-444d-8a3c-afc6e57605af&utm_source=so (letzter Abruf: 9.4.2019).
21. Jäckel M: Der Fall des Zen-Meisters Thich Thien Son. https://buddhismus-kontrovers.info/der-fall-des-zen-meisters-thich-thien-son/; 2014 (letzter Abruf: 27.3.2019).
22. Jäckel M: Zen-Priester aus Dinkelscherben des mutmaßlichen siebenfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagt. https://buddhismus-kontrovers.info/zen-priester-aus-dinkelscherben-des-mutmasslichen-siebenfachen-sexuellen-missbrauchs-von-kindern-angeklagt/ (letzter Abruf: 13.5.2019).
23. Jäckel M: Testimony from an Ogyen Kunzang Choling (OKC) survivor. https://buddhism-controversy-blog.com/2017/10/29/testimony-from-an-ogyen-kunsang-choling-okc-survivor/ (letzter Abruf: 13.10.2018).
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28. TARA-SOS https://www.change.org/p/buddhist-followers-call-for-investigation-into-allegations-of-sexual-misconduct-by-dagri-rinpoche?recruiter=910220103&utm_source=share_petition&utm_medium=email&utm_campaign=share_email_responsive&recruited_by_id=f3d95c00-e01a-11e8-9ccb-11de71439d22
29. Goldberg L, Goldberg W, Henry R, Langone M: Cult Recovery A clinician's guide to working with former members and families. Bonita Springs: International Cultic Studies Association 2017; 1- 499.
30. Hassan SA, Shah MJ: The anatomy of undue influence used by terrorist cults and traffickers to induce helplessness and trauma, so creating false identities. Elsevier: Ethics, Medicine and Public Health 2019; 8: 97-107.

© Anne Iris Miriam Anders, 29.5.2019, Forschungsprojekt TransTibMed