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Psychoedukation für Betroffene von Missbrauch in buddhistischen Gruppen

Psychoedukation für Betroffene von Missbrauch in buddhistischen Gruppen

                                                                                                                                                              17.6.2019

Diese Rubrik beinhaltet Psychoedukationsmaterial für Betroffene von Missbrauch oder Indoktrination in buddhistischen Gruppen. Es wird nach und nach ergänzt und erweitert.

Netzwerk für Betroffene

Bei Bedarf werden Netzwerk-Gruppen für Betroffene entwickelt. Information hierzu erhalten Sie nach den Interviews.

Die Bedeutung von Kontakten und einem Kontaktenetzwerk

                                                                                                                                                             17.6.2019

Wenn Sie sich aus einer Gruppe zurückgezogen haben, hat es für wertvoll erwiesen nicht alleine zu bleiben. Soziale Kontakte können präventiv gegen die Entwicklung psychischer Erkrankungen wirken. Freundschaften: Sie könnten Kontakte aus früheren Freundschaften, die vor Ihrer Teilnahme in Buddhismusgruppen, wichtig waren, aus wichtigen Beziehungen wieder aufnehmen. Da vielen Betroffenen Feindbilder eingeredet wurden oder die Idee es wäre nötig sich von Menschen, die nicht der Gruppe angehören oder anderen Lehrenden zu distanzieren, habe Personen häufig ihre Freundschaften oder sogar Arbeitsbeziehungen außerhalb der Gruppe verloren.
Es finden sich auch Betroffene, die mit einem Ausmaß an Arbeit beschäftigt wurden, sodass keine Zeit mehr für Außenkontakte oder die Pflege von Freundschaften blieb.
Wenn Sie Kontakte wiederherstellen, kann es sinnvoll sein an irgendwelchen Aspekten anzuknüpfen, die miteinander wichtig waren. Dabei kann es helfen gemeinsame Interessen wieder aufzunehmen. Gleichzeitig wird Ihnen dies auch dabei helfen im Laufe der Zeit die eigenen Werte zu überprüfen und genau dem nachzugehen was Ihnen persönlich wichtig ist.
Soziale und rechtliche Versorgung: Wohlwollende Kontakte können darüber hinaus auch bei der manchmal nötigen Suche nach einem sicheren Wohnort, einer Arbeit, der Entwicklung von Ressourcen und rechtlicher Begleitung hilfreich sein.
Genesung und Verarbeitung: Für die Verarbeitung schwerer, belastender Erfahrungen und zur Genesung könnten Sie sich an Psychotherapeuten wenden.
Kontakt zu anderen Betroffenen: Ob eine Kontaktaufnahme zu anderen Betroffenen sinnvoll ist, hängt von individuellen Bedürfnissen und Prozessen ab. Manches Mal kann es hilfreich sein Themen, die unbesprochen und unbewertet blieben sind miteinander zu teilen oder gemeinsam rechtliche Schritte einzuleiten.

Aktive Arbeit an der eigenen Verunsicherung, Abwertung und den verinnerlichten Strukturen der Abhängigkeit

Die eigene Verantwortung bringt auch Entscheidungsfreiheit. Auf der Grundlage monatelanger oder jahrelanger Abwertung und Verwirrung zugunsten der Verfestigung von Abhängigkeit und von Zermürbung mag dies verschiedene Reaktionen hervorrufen. Es kann die Empfindung von Freiheit und Wahlfreiheit in den Vordergrund treten. Manches Mal treten auch tiefe Verunsicherung und die Auswirkungen der Abwertung und der zuvor gelebten Abhängigkeit in den Vordergrund. Diese wechselnden Empfindungen sind normale Reaktionen auf Erfahrungen von Manipulation und Missbrauch.
Da viele Personen Begriffe verinnerlicht haben, welche auf zunehmende Abhängigkeitsentwicklung und Abwertung zielen, ist es sinnvoll sich, beispielsweise mithilfe des Lesens der Menschenrechtskonvention, wiederholt die Würde jedes Menschen klarzumachen.
Die Erfahrungen der Entwürdigung und entwürdigende Mechanismen jedoch lassen sich nicht einfach wegdenken. Indem man auf die eigenen Bedürfnisse hört und sich um sie kümmert, wird die Fähigkeit, sich mit den eigenen inneren Ressourcen zu verbinden, kontinuierlich wachsen.
Die Herausforderung besteht nun darin, diese Bedürfnisse ernst zu nehmen, auch wenn man gerade noch lange gelernt hat diese seien nicht gefragt und diese vielleicht sogar immer noch als egoistisch bewertet, was sie nicht sind. Sie sind der Zugang zur eigenen Kraft.
Hier ein Beispiel: Wenn Sie erschöpft sind, vielleicht weil Sie allzu viele Stunden in der Organisation gearbeitet haben, vielleicht weil Sie die Trennung verarbeiten versuchen oder ähnliches, dann ist es nötig für Erholung zu sorgen. Und dies kann für jeden Menschen ein klein wenig unterschiedlich sein. Hier könnte man an ausreichend Schlaf, an angemessene Ernährung und Bewegung, vielleicht auch an Kontakte denken.
Zu üben auf die eigenen kleinen Bedürfnisse zu achten bringt einen zu sich selbst zurück. Und im Laufe der Zeit beginnen sich auch die übergestülpten Bilder und Konzepte abzulösen.
Falls Sie lange eingeübt haben mit jemandem zu verschmelzen, der Ihnen Gewalt oder irgendeine Form des Missbrauchs zugefügt hat oder Sie zutiefst ausgebeutet und dann gegen andere ausgetauscht, im Sinne von sich beständig mit dieser Person zu verbinden und einzig nur seine Wünsche in den Vordergrund zu stellen, beispielsweise durch einen Technik die dekontextualisiert als Guru-Yoga vermarktet wird, dann wird dies eine längere Zeit brauchen bis sich das Übergestülpte löst.
Mit Menschen zu sein, die einem das Wohlwollen und die Wertschätzung entgegenbringen, die jedem Menschen gebührt, und auf den eigenen Körper und seine Bedürfnisse zu beachten anstatt sie zu ignorieren und ihn den Bedürfnissen anderer zu opfern ist dabei eine sinnvolle Vorgangsweise.
Möglicherweise ist es auch wichtig bestimmte Techniken, die man täglich angewandt hatte, ganz wegzulassen, damit nicht darüber belastende Erinnerungen wachgerufen werden. Im Falle einer Traumatisierung gilt ferner außerdem: kein Täterkontakt.

Stabilisierung mithilfe von Ressourcenaktivierung

Überlegen Sie was Sie gut können und beginnen Sie diese Teile in sich einzusetzen und zu fördern. In Veränderungsprozessen ebenso wie zur ersten Phase der Stabilisierung bei Trauma hilft es bei den eigenen Ressourcen und der eigenen Kraft zu bleiben.
Nun noch einmal zurück zu den dekontextualisierten Konzepten, die derzeit in vielen Gruppen benutzt werden und Menschen bereits sehr viel Schaden zugefügt haben. Der Begriff der "Karma-Reinigung" ist ein Neologismus.
Er wird benutzt, um Menschen in Abhängigkeit zu befördern und ihnen Willkür anzutun. Niemand hat das Recht Sie zu entwürdigen oder zu verleumden. Von Sekten werden solcherlei Methoden zur Einschüchterung und gegen Abtrünnige eingesetzt. Daher sind sie nur einer der vielen Hinweise was sich derzeit mithilfe von Personenkult und scheinbar buddhistischen Begriffen entwickelt und auf welche Weise Menschen abhängig gemacht und geschädigt werden.
Es liegt in Ihrer eigenen Hand der erlittenen Schädigung durch den Fokus auf Ihre eigenen menschlichen Stärken und Ressourcen etwas entgegenzusetzen. Möglicherweise wird sich dadurch sogar stärkeres Mitgefühl anderen Betroffenen gegenüber entwickeln.

© Anne Iris Miriam Anders, Forschungsprojekt TransTibMed 17.6.2019